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Bayerische Staatsoper zeigt Rossinis Semiramide Bayerische Staatsoper zeigt Rossinis Semiramide

Posted by Ricordi 28 Februar 2017

ÜBER ROSSINIS Semiramide

Rossinis Semiramide wurde 1823 in Venedig uraufgeführt. Das Werk wurde einer seiner größten Erfolgen. Im gesamten 19. Jahrhundert gehörte Semiramide zum festen Repertoire der bedeutendsten Opernbühnen Europas. Doch dann verschwand das Werk immer mehr von den Spielplänen… Die neueste Inszenierung in Deutschland feierte im Februar 2017 an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere. Die Produktion nutzt die bei Ricordi verlegte kritische Edition.

Das Libretto basiert auf einer Tragödie Voltaires. Die ernste italienische Oper ist bei Rossini mit 18 von insgesamt 39 musikdramatischen Werken stärker vertreten als man zunächst annehmen würde. Mit der Premiere von Semiramide beendete Gioachino Rossini jedoch seine italienische Bühnenkarriere. Noch im selben Jahr zog der Komponist nach Paris. Semiramide stellt somit Rossinis letzte Opera seria dar. Mit dem Aufkommen der Romantik hat sich die Musik und die Welt um ihn herum verändert. „Rossini wollte nie die Realität abbilden wie die Romantiker. Er wollte die Realität durch seine Poetik filtern.“ (M. Mariotti)

HANDLUNG

Die Herrscherin Semiramide wird von den Schatten ihrer Vergangenheit verfolgt: Gemeinsam mit ihrem Geliebten Assur hatte sie einst ihren Ehemann, König Nino, ermordet - eine Schuld, die seitdem schwer auf ihr lastet. Von einer Heirat mit Arsace erhofft sie sich Seelenfrieden, doch sie hat sich in den Falschen verliebt: Arsace liebt nicht nur eine andere, er ist auch, wie sich herausstellt, Semiramides und Ninos tot geglaubter Sohn. Dieser sieht sich vor die Entscheidung gestellt: Soll er den Tod des Vaters rächen - und dadurch zum Muttermörder werden?



INTERVIEW

Daniel Menne, Produktionsdramaturg an der Bayerischen Staatsoper

Was hat die Bayerische Staatsoper dazu bewogen, diesen seltenen Rossini auf den Spielplan zu setzen?

Heute ist Rossini im allgemeinen Bewusstsein immer noch vor allem der Komponist von leichten, heiteren Werken wie Il barbiere di Siviglia, La Cenerentola und Il turco in Italia. Der Komponist ernster Werke, als der er zu seiner Zeit mindestens ebenso wahrgenommen wurde wie als Schöpfer von Opera buffa-Werken, ist uns viel weniger präsent.

Die Bayerische Staatsoper spielt Semiramide nicht zuletzt, um das Publikum mit dieser Seite von Rossini bekannt zu machen. Da lag es nahe, zu seiner letzten Opera seria zu greifen, in der Rossinis vielfältige Erfahrungen in der italienischen Oper beinahe exemplarisch zusammenkommen – nicht umsonst spricht man oft bei Semiramide von der „Summe“ oder der „Bilanz“ von Rossinis Opera seria-Schaffen.

Was sind die wichtigsten Charakteristika dieser Oper?

Besonders spannend ist an Semiramide, dass es mit der Introduzione und den beiden Akt-Finali große Ensembleszenen mit viel Chor gibt, dass die Geschichte ansonsten aber ausschließlich über Arien und Duette, also über kleinbesetzte Formen, erzählt wird. Gerade die vier großen Duette der drei Protagonisten sind dramaturgische Schlüsselstellen der Handlung – Rossini lässt seine Figuren ihre Konflikte also in der vis-à-vis-Konfrontation klären. Dann ist auch das Grundthema der Oper eines, an das wir auch heute noch gut anknüpfen können: der Umgang mit der eigenen Schuld.

Semiramide wird in dieser Oper eben nicht als skrupellose, egoistische Kriegerkönigin gezeichnet, die über Leichen geht, um auf den babylonischen Thron zu kommen. Sie begegnet uns vielmehr als eine Frau, die ihre Tat – den Mord an ihrem Gemahl vor 15 Jahren – bereut, die versucht, ihre Schuld zu sühnen und mit ihrer Vergangenheit abzuschließen. Ob das gelingen kann, dieser Frage geht die Oper nach.

Und nicht zuletzt ist die Oper anhand der Figur des Sohns von Semiramide, Arsace, eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rache. Kann mithilfe von Rache tatsächlich Gerechtigkeit und Frieden geschaffen werden, wie es der Oberpriester in der Oper glaubt? Oder gibt es nicht vielleicht doch eine Alternative? Semiramide ist viel aktueller, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Haben Sie selbst durch die Beschäftigung mit diesem Werk etwas Neues an dem Komponisten Rossini entdeckt?


Rossini als Opera seria-Komponist – dazu einen Zugang zu finden ist nicht ganz leicht. Auf den ersten Blick scheint es nämlich, dass Rossini bei seinen Tragödien dieselben musikalischen Mittel benutzt wie bei seinen Komödien, dass er hier wie dort dieselbe musikalische Sprache spricht. Und was uns heute bei seinen Opera buffa-Werken unmittelbar verständlich ist, dieser leichte, oft ironische Ton, wirkt manchmal zunächst befremdlich, wenn es um einen tragischen Stoff geht. Wenn man sich diese Musik genauer ansieht, entdeckt man aber, dass Rossini der Handlung, dem Text alles andere als indifferent gegenüber stand.

Maestro Michele Mariotti hat es einmal so formuliert: „Bei Rossini kommt es darauf an, wie man seine Musik interpretiert. Die Doppelbödigkeit dieser Musik liegt nicht offen zutage – es ist die Aufgabe des Interpreten, sie herauszuarbeiten.“ Und tatsächlich zeigen sich in Semiramide in vermeintlich heiteren Momenten immer wieder Abgründe, wie man ihnen sonst nur bei Schubert begegnet.

Rossini wird oft unterschätzt. Seine Musik ist bei näherer Beschäftigung vielschichtiger, als man es erwartet.



Photo: Wilfried Hösl