News

Liza Lim & Huang Ruo: Zwei Premieren in den USA

Liza Lim & Huang Ruo: Zwei Premieren in den USA

Zwei Musiktheaterproduktionen feiern in den Vereinigten Staaten Premiere. Liza Lims vierte Oper Tree of Codes wurde im Rahmen des Spoleto Festivals in Charleston vom singapureanischen Regisseur Ong Keng Sen neu inszeniert, während An American Soldier von Huang Ruo in der erweiterten Fassung am Opera Theatre of St. Louis zur Uraufführung fand. Der Dirigent und Experte zeitgenössischer Opernproduktionen Michael Christie gibt im Interview einen Eindruck von Huang Ruos Musik, der besonderen Rolle des Musiktheaters im politischen Diskurs und der aktuellen Situation dieser Kunstform in den Vereinigten Staaten. 

Liza Lim: Tree of Codes (2015)

‘Cut-outs in time’, an opera
S.Bar.Sp – 2.1.1.1 – 1.1.1.1 – 
perc – pf – 2.0.1.1.1 – live-el
Dauer: 80’
UA: 9.4.2016, Köln

Mehr über das Werk

Picture of Tree of Codes by Liza Lim at Spoleto Festival 2018
Tree of Codes, Spoleto Festival USA 2018

„Wie diese extraordinäre Zeit und Raum aussehen, ist etwas, das ich dem Regisseur überlasse …" zitiert das Limelight-Magazin Liza Lim. "Bei den zahlreichen Geschichten in der Oper geht es mir darum, emotionale oder psychische Räume zu eröffnen. Für das Publikum hoffe ich, dass die Menschen verschiedene Dinge sehen werden und sich auf verschiedene Aspekte der Geschichten, ganz nach ihrem Gemütszustand, einlassen werden. Wenn es eine „Geschichte“ gibt, dann über die grundlegende Vergänglichkeit, die unser Leben und unseren Tod begleiten und ein Verlangen nach Intensität, Schillern, nach Erleuchtung.“ (Limelight Magazine, 19.05.2018, Übersetzung Ricordi Berlin)

Artikel online lesen





Huang Ruo: An American Soldier (2018)

Oper in zwei Akten (Version in voller Länge)
Libretto: David Henry Hwang
2S.Ms.T.Bar.Bbar.B – vocal ensemble –
2.2.2.2. – 2.2.2.0. – 2perc – str
Dauer: 120’
UA: Opera Theatre of St. Louis, 2018

 


Im Gespräch mit Michael Christie


Mr. Christie, im Juni werden Sie die Uraufführung der erweiterten, abendfüllenden Fassung von An American Soldier leiten. Die Oper zeigt den jungen Danny Chen, Sohn chinesischer Immigranten, der stolz in die US-Army eintritt, um dort als Opfer von Fremdenhass die Bedeutung von Patriotismus, kultureller Identität und Andersheit zu hinterfragen und schließlich auf tragische Weise daran zu zerbrechen. Dabei drängen sich hochaktuelle Fragen darüber auf, was es bedeutet ein Amerikaner zu sein. Ist das Musiktheater ein geeignetes Medium für diesen Diskurs?

Musiktheater ist dafür ein wunderbares Medium, da es den Zuhörern ermöglicht, sowohl zahlreiche gewagte Sichtweisen zu erleben, als auch nuancierte Emotionen in Bezug auf die aufgeworfene Thematik. Das Publikum ist eher in der Lage, sich in Konzepte hineinzuversetzen, die über einen längeren Zeitraum präsentiert werden, als in eine 30-sekündige Fernsehzusammenfassung.

Wie drückt sich die Thematik in Huang Ruo’s Musik aus?

Es gibt eine emotionale Spannung zwischen den Ereignissen, wie sie sich im „echten Leben“ ereigneten und wie sich Danny Chen im Laufe des Stückes an sie erinnert. Huang Ruo hält die Ohren der Zuhörer durch thematische Einheit des Werks stets nah am Drama. Die dramatisch-orchestralen Texturen des Werkes und die sorgfältig erdachte Vokalschrift sind Markenzeichen dieser tief bewegenden Oper.

In der New York Times wurden Sie als „a director open to adventure and challenge“ beschrieben. Worin liegen die Herausforderungen von An American Soldier für Sie als Dirigent und für die Musiker?

Ich versuche stets, tief in die emotionale Sprache des Komponisten einzutauchen und mit den Sängern und Instrumentalisten für sie einzustehen. Komponisten entwickeln fortwährend ihre musikalische Sprache, deshalb denke ich, ist es wichtig, so offen wie möglich zu sein und dann sicherzustellen, dass diese Perspektive so klar wie möglich gehört werden kann.


Picture of Michael Christie
Michael Christie

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Huang Ruo erlebt?

Huang Ruo war ein ausgesprochen entgegenkommender Partner. Er steht leidenschaftlich für die Entscheidungen ein, die er getroffen hat, um das Drama nach seinen Vorstellungen zum Leben zu erwecken und er unterstützt den Entwicklungsprozess derjenigen, die mit der Verwirklichung seiner Vision betraut sind.

Unter anderem als Musikdirektor an der Minnesota Opera haben Sie zahlreiche zeitgenössische Musiktheaterproduktionen verwirklicht. Auf welche Hürden stoßen Projekte wie An American Soldier vor dem Hintergrund aktueller kulturpolitischer Veränderungen in den Vereinigten Staaten?

Kulturell erleben wir insbesondere im Opernbereich einen plötzlichen Anstieg neuer Werke von aufstrebenden Künstlern. Eher Herausforderung als Hindernis ist dabei die Lernkurve, die Produzenten durchlaufen müssen, wenn sie diese neuen Arbeiten unterstützen. Aber die Leute werden immer vertrauter mit dem Workshop-Prozess und sie engagieren sich mit immer mehr Künstlern, um das Potenzial neuer Werke zu fördern – dabei stellt man sich vielen Hürden und überwindet diese. In vielerlei Hinsicht haben wir immer noch mit den Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu kämpfen, mit einem angespannten Arbeitsmarkt und einem harten Wettbewerb um private Förderung. Die gute Nachricht ist, dass die Idee der neuen amerikanischen Oper im Großen und Ganzen für die meisten Zuschauer kein neues Konzept ist. Jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, sicherzustellen, dass die Themen geeignet sind, um in diesem Genre zum Ausdruck gebracht zu werden, dass die Narration klar ist und die Musik den Zuhörer auf eine fesselnde Reise mitnimmt. Bezieht man dazu all die anderen in der Oper beteiligten Künste mit ein, haben wir eine starke, progressive Erfolgsformel.





Photos: Leigh Webber (Tree of Codes), Michal Daniel (Michael Christie)