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Enno Poppe: Rundfunk auf Tour

Enno Poppe: Rundfunk auf Tour

Enno Poppes neues Werk Rundfunk für neun Synthesizer ist eine Liebeserklärung an das Medium Rundfunk, das nicht zuletzt als Geburtsstätte der elektronischen Klangerzeugung die Neue Musik in ihrer heutigen Form maßgeblich beeinflusst hat. Beinahe folgerichtig fand die Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2018 des Südwestrundfunks statt und bildet damit den Auftakt einer Festival-Tournee, die acht Städte in fünf Ländern umspannt und bis in den Sommer nächsten Jahres reichen wird. Zusammen mit dem ensemble mosaik wird Enno Poppes Rundfunk u.a. beim Huddersfield Contemporary Music Festival, den Acht Brücken | Musik für Köln und beim dem Festival d'Automne à Paris zu hören sein.

Rundfunk (2018)

für neun Synthesizer
Dauer: 60'
UA: 20.10.2018, Donaueschingen

Kompositionsauftrag des Südwestrundfunks, von Wien Modern, hcmf// Huddersfield Contemporary Music Festival, Philharmonie Luxembourg, Festival d’Automne à Paris, Acht Brücken | Musik für Köln, Deutschlandfunk Kultur und der musica viva des Bayerischen Rundfunks

Performances

20.10.2018 (UA)
Donaueschinger Musiktage – 
Erich-Kästner-Halle, Donaueschingen 

10.11.2018 (EA)
Wien Modern – Semperdepot, Wien

17.11.2018 (EA)
huddersfield contemporary music festival – Bates Mill Blending Shed, Huddersfield

23.11.2018 (EA)
rainy days 2018 – Philharmonie Luxembourg

26.11.2018 (EA)
Festival d'Automne à Paris – Théâtre des Bouffes du Nord, Paris

20.01.2019
Ultraschall Berlin 2018 – Volksbühne Berlin

01.05.2019
Festival Eight Bridges | Music for Cologne – Funkhaus Wallrafplatz, Köln

06.07.2019
musica viva – Studio 1/BR Funkhaus, München

Interview mit Enno Poppe



Mitschnitt des WDR der Uraufführung anhören

Rundfunk beginnt bei 00:53:30.



Pressestimmen

Enno Poppes Rundfunk gelingt es noch mit Abstand am besten, die ganzen sechzig Minuten nicht bloß auszufüllen, sondern die Dauer durch sinnvolle Dramaturgie zu rechtfertigen. Die Musiker des ensemble mosaik unter Leitung des Komponisten (und lustigerweise alle mit Oberteilen in dessen Haarfarbe bekleidet) haben ihre gewohnten Instrumente gegen Synthesizer eingetauscht, anhand derer sie über historisches Klangmaterial von Computern und Keyboards der 60er- und 70er-Jahre verfügen: Aus diesen Sounds setzt Poppe seine neue Musik zusammen. Sie beginnt mit kurzen Klangtrauben aus Pünktchen unterschiedlicher Soundcharaktere um eine Tonhöhe herum, sodass harmonieähnliche Tiefe eher zwischen den unterschiedlichen, aneinander gruppierten Charakteren entsteht als durch klassische Akkorde. Die Trauben lösen sich auf zugunsten einer flächigeren Textur aus den gleichen atomistischen Bausteinen. Schichtungen von Orgelpunkten leiten einen neuen Formteil ein. Die Komposition folgt einem gedehnten Spannungsbogen, der aber doch bis ins Detail wahrnehmbar ist, sofern einem die Konzentration auf die langsame Entwicklung desselben gelingt.
VAN-Magazin, 25.10.2018

Das nostalgische neue Stück von Enno Poppe braucht nicht weniger als achtzehn Hände, heisst Rundfunk und wird vom Komponisten vom Keyboard aus gesteuert, gemeinsam mit dem Ensemble Mosaik an weiteren acht Keyboards. Eine episch ausufernde Sinfonie, für die klassische Elektronik-Klänge aus den Sechzigern und Siebzigern neu auf dem Computer erfunden und zum lustvoll pianistisch aufgemöbelten Koloss zusammengefügt wurden, mit exzentrischer Gebärdensprache, doch in statischer Architektur: Ein Block wächst aus dem anderen heraus, ständig nicken uns alte Bekannte zu. Nur, wozu? «In dem Moment, wo ich nicht mehr verstehe, was geschieht, entsteht Kunst», erläutert Poppe. Und gibt, immerhin, selbst auch eine Parole aus: «Die Schönheit liegt in der Überforderung.»
NZZ, 23.10.2018

Und erst recht das virtuos polyphone Stück mit dem Titel Rundfunk, das Enno Poppe für neun Synthesizer komponiert hat, ist zwar rein elektronische Musik, aber doch eine Sinfonie in drei Sätzen, tonal beginnend mit einer Folge ähnlicher Intervalle, die sich allmählich drei- und vierstimmig, phasenweise sogar neunstimmig übereinanderschichten und an den Chorgesang einer Klingelanlage im Hochhaus erinnern. Es gibt ein terroristisches Intermezzo, mit Maschinengewehrfeuer, eingetretenen Türen und einstürzenden Decken, doch zum guten Ende erstrahlt ein Orgelchoral mit orgeltypischen Figuren von Fuge und Passacaglia. Man ist erschöpft, aber amüsiert. Diese Musik lässt sich erleben, als Film oder als Bruckner-Parodie, hat anekdotischen Reiz und schüchtert nicht ein. 
DIE ZEIT, 24. Oktober 2018

Interessanter war Enno Poppes Rundfunk für neun Synthesizer zum Zwecke artifizieller Instrumental-Illusion unendlicher Partikelfolgen, die sich parasymphonisch addierten, Wobei Poppes Keyboard-Aktion schier solistische Führungsfunktion aufscheinen ließ.
FAZ, 25. Oktober 2018


Enno Poppe Rundfunk at Donaueschingen 2018 with ensemble mosaik
Rundfunk, Uraufführung in Donaueschingen, 2018

Über das Werk

Ohne den Rundfunk gäbe es die Neue Musik in ihrer heutigen Form nicht. Gerade die Erfindung und Entwicklung der elektronischen Musik in den Studios der Sendeanstalten gehört zu den Sternstunden eines Mediums, das etwas über seine eigenen Möglichkeiten und Bedingungen herausfinden wollte und sich dazu Institute zur Grundlagenforschung geleistet hat. Die Idee eines sendereigenen, gebührenfinanzierten Max-Planck-Instituts ist heute kaum vorstellbar, so sehr hat sich die Auffassung vom Radio gewandelt, hin zu einem Tagesbegleitmedium. Im Bereich der elektronischen Musik gibt es seit Jahrzehnten eine rasende technische Entwicklung. Genau so schnell ist das Tempo des Verschwindens. Ältere Werke können oft nicht aufgeführt werden, weil die Technologien fehlen oder nicht mehr funktionieren, oder man weiß schlicht nicht mehr, wie es vor 25 Jahren gemacht wurde. Dadurch, dass immer nur die aktuelle Technologie funktioniert, wird die Klangästhetik immer extrem zeitbezogen. Popmusik kann auf diese Weise exakt datiert werden: durch ein bestimmtes Preset des DX-7 Synthesizer etwa oder ein Software-Tool. Komponieren heißt auseinandernehmen. In Rundfunk für neun Synthesizer nehme ich historische Klänge, keine historischen Instrumente. Als Instrumentarium werden neun Computer und neun Keyboards verwendet. Die Klänge kommen aus den sechziger und siebziger Jahren: FM-Synthese, Minimoog und Schweineorgel. Die Pioniere sind Gottfried Michael Koenig, Thomas Kessler, John Chowning, Wendy Carlos und Tangerine Dream. Dadurch dass keine Originalinstrumente, sondern am Computer generierte Nachbauten verwendet werden, klingt alles anders als damals. Dafür habe ich immer alle Klänge gleichzeitig zur Verfügung, kann beliebig viele Stimmen abspielen (der Minimoog konnte immer nur einen Ton auf einmal spielen), kann auch die Stimmung frei einstellen und ständig wechseln. Der Klang wird dekonstruiert und neu zusammengebaut. Die Spieler sind übrigens keine Keyboardvirtuosen, sondern Virtuosen im Umgang mit elektronischen Klängen. Das Stück besteht aus tausenden von Atomen. Die Musik ist analytisch-emphatisch. Sie wird im Labor zusammengesetzt, beim Komponieren habe ich einen weißen Kittel an. Aber ein Konzert ist kein Experiment. In dem Moment, wo ich nicht mehr verstehe, was geschieht, entsteht Kunst. Die Schönheit liegt in der Überforderung.
—Enno Poppe

Enno Poppe Rundfunk at Donaueschingen 2018 with ensemble mosaik
Rundfunk, Uraufführung in Donaueschingen, 2018

Partitur von Rundfunk







Photos: Astrid Karger, Ralf Brunner