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Poppe, Enno

Enno Poppe (*30.12.1969 in Hemer/Sauerland) gehört zu den wichtigsten Komponisten in Deutschland. Er lebt und arbeitet seit 1990 in Berlin.

Poppe studierte Dirigieren und Komposition an der Universität der Künste Berlin, unter anderem bei Friedrich Goldmann und Gösta Neuwirth. Es folgten weiterführende Studien in den Bereichen Klangsynthese und algorithmische Komposition an der Technischen Universität Berlin und am Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Als Dirigent konzertiert Enno Poppe regelmäßig mit dem Klangforum Wien, dem Ensemble Musikfabrik und dem Ensemble Resonanz sowie mit internationalen Orchestern. Seit 1998 ist er Mitglied und Dirigent des ensemble mosaik. Enno Poppe unterrichtete Komposition an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik und an der Impuls Akademie (Graz).

Enno Poppe erhielt Kompositionsaufträge von Ensembles aus ganz Europa und darüber hinaus, von Orchestern wie dem Helsinki Philharmonic Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und dem WDR Sinfonieorchester sowie von Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen, den Salzburger Festspielen, musica viva (München), Ultraschall Berlin, MaerzMusik (Berlin), Eclat (Stuttgart) und den Wittener Tagen für Neue Kammermusik.

Enno Poppes Werke wurden unter anderem von Quartetten wie dem Arditti Quartet und dem Kairos Quartet, von Dirigenten wie Pierre Boulez, Susanna Mälkki, Emilio Pomárico oder Peter Rundel sowie Orchestern wie dem SWR Sinfonieorchester, dem BBC Scottish Symphony Orchestra, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt oder der Jungen Deutschen Philharmonie aufgeführt. Zu den Ensembles, die regelmäßig seine Musik interpretieren, gehören das Ensemble intercontemporain, das Ensemble Modern, die London Sinfonietta, das Ensemble Resonanz, das Klangforum Wien, das ensemble mosaik, das Ensemble Contrechamps, das Ensemble Musikfabrik, das Ensemble 2e2m, das SWR Vokalensemble und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart.

Mit Interzone (2003-2004) schuf Enno Poppe eine Komposition für Stimmen, Video und Ensemble, in der der Schriftsteller Marcel Beyer (der auch die Libretti für die anderen Musiktheaterwerke schrieb) einen Text von William S. Burroughs paraphrasiert, der sich mit Tanger/Marokko, einem Schmelztiegel verschiedener Kulturen, beschäftigt. Das Musiktheater Arbeit Nahrung Wohnung (2006-2007) ist eine fragmentierte Robinson-Cruseo-Story über Einsamkeit - und einen Protagonisten, der nicht viel Wert darauf legt, gerettet zu werden. In IQ (2011-2012) stellt Poppe in acht Akten eine Teststation für Intelligenz zusammen, in der die verschiedenen Probanden, "immer wieder zum Anfang zurückkehren, um neu zu beginnen".

Neben Stipendien – unter anderem von der Akademie Schloss Solitude und der Villa Serpentara in Olevano Romano – erhielt Enno Poppe zahlreiche Auszeichnungen wie der Busoni-Kompositionspreis der Akademie der Künste in Berlin (2002), der Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung, der Schneider-Schott-Musikpreis (2005), der Förderpreis der Akademie der Künste in Berlin (2006) und der Christoph- und Stephan-Kaske-Preis (2009). Außerdem erhielt Enno Poppe den „Happy New Ears“-Preis der Hans und Gertrud Zender-Stiftung (2011), den Hans-Werner-Henze-Preis (2013) und den Deutschen Musikautorenpreis 2016.

Enno Poppe ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin (seit 2008), der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste (seit 2009) und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (seit 2010).

Stand: März 2022

Photo: Harald Hoffmann


Verbeulte Natur. Zur Klangsprache Enno Poppes

Der Anfang ist einfach, transparent und klar. Die Werke von Enno Poppe beginnen oft mit einem einzigen Baustein. Aus einer singulären motivischen Zelle heraus – "kurz/lang" oder "hoch/tief" zum Beispiel – wachsen und wuchern die Werke wie eine Pflanze, die allmählich an Kontur und Komplexität gewinnt. "Ich habe mich mit mathematischen Modellen beschäftigt, die die Simulation pflanzlichen Wachstums beschreiben", erklärt Poppe. "Wie verästeln sich die Dinge? Wie entsteht ein neuer Trieb?" Das Thema seiner Klaviervariationen zum Beispiel ist nur einen einzigen Takt lang; es besteht aus lediglich zwei Sekundklängen. Was folgt, sind 840 Variationen, in denen Poppe dieses Motiv auf jede nur denkbare Weise beugt – der Intervallstruktur, der Richtung, der Dauern und der Tonhöhen nach. Ähnliches gilt für das viertönige "auf-auf-ab"-Motiv, mit dem Holz beginnt und das sich nach und nach zu einem wahren Dickicht der Klänge entfächert.

Poppe, 1969 im sauerländischen Hemer geboren, arbeitet häufig mit aus der Biologie bekannten L-Verästelungen, indem er Motive spreizt und spaltet, dehnt und staucht. Dabei widmet er sich dem Klang mit der kritischen Gelassenheit eines wissenschaftlichen Beobachters. Unter seiner Hand brütet, wächst und wuchert der Stoff wie eine lebendige, dynamische Kultur. Die Bearbeitung der Motive unterliegt dabei einem gewissen Kalkül; Zahlenverhältnisse spielen in Poppes Partituren eine entscheidende Rolle. Er vertraut mathematisch oder naturwissenschaftlich geprägte Logiken, die der Musik Konsistenz verleihen. Aber er wehrt sich gegen den Dünkel der Konsequenz, der oft genug zu bloßen musikalischen Tautologien führt. Der Blick auf die Gestalt eines Baumes verrät, dass in der Natur Kräfte am Werke sind, die von der Symmetrie und der Regelmäßigkeit mathematischer Logiken bloß schemenhaft erfasst werden. Poppe reichert die Physiognomie der musikalischen Gestalten deshalb mit Unregelmäßigkeiten an. Und es sind die Abweichungen, Fehler und Widersprüche innerhalb der Systeme, die vermeintlichen Pathologien also, dem der sonst starre Organismus seine Lebendigkeit und Einzigartigkeit verdankt. Bei allem Unbehagen am System ist Poppe allerdings auch schiere Spontaneität suspekt. Um also einerseits unter der Herrschaft der Systemlogik nicht zum "Sklave seiner selbst" zu werden und andererseits nicht der Willkür zu verfallen, ist Poppe bemüht, "subversiv gegen meine eigenen Vorgaben anzugehen, ohne die gestellten Regeln zu verletzen – als Wechselspiel zwischen Technik und Freiheit". Es gehe ihm "nicht um Kontrolle, sondern um die Vergrößerung der eigenen Welt."

In Poppes Arbeiten schlägt sich nicht nur das Wachstum, sondern auch die Beschaffenheit organischer Materialien nieder. Von zentraler Bedeutung ist dieser Aspekt für den zwischen 1999 und 2004 entstandenen Zyklus Holz – Knochen – Öl. Die Titel sprechen die Konsistenz der Werke an, die biegsame Stabilität der fasrigen Stimmverläufe in Holz, das harte "Martellatissimo" und das trockene "Secco" in Knochen, der zähe aber energische Strom ineinander fließender Linien in Öl. "Titel", gesteht Poppe, "öffnen dem Hörer Assoziationsräume." Er gehört gewiss nicht zu den programmatisch lautmalenden Komponisten. Aber bei aller Ratio, mit der er musikalische Gestalten entwirft und entwickelt, darf man nicht vergessen, dass den Stücken auch poetische Vorstellungen zugrunde liegen. Das wilde, "geradezu verschwenderische" (Poppe) Ensemblestück Scherben setzt den Hörer einer Anhäufung fragmentarischen Materials aus. Rad für zwei Synthesizerklaviere lebt vom Kreisen der Figuren und Motive, vom Rattern eines tönenden Räderwerks. Und in seinem Musiktheater Interzone nach Texten von Marcel Beyer (wiederum inspiriert von William S. Burroughs) evoziert er die futuristische Klangwelt der Science-Fiction-Szenarien und umspielt er die für die Erzählung maßgebliche Vorstellung insektoiden Daseins mit schwirrenden Tongruppen.

Neben solcherart poetischen Vorstellungen und den Modellen naturwissenschaftlicher Provenienz ist es vor allem das kritische Geschichtsbewusstsein, das Poppes Werke auszeichnet. Immer wieder hat er hastig und mit revolutionärem Gestus verworfene Konzepte auf ihre zeitgenössische Eignung hin befragt. Mit Öl revidiert und rehabilitiert er das Konzept der Melodie. Kann man ein auf melodischem, linearem Material begründetes Werk schreiben, ohne der rhetorischen Schwerkraft der melodischen Logik zu erliegen? Man kann, wenn man die führende Stimme im Kontext von Klangfarbe, Harmonie und Gegenbewegung aufhebt. Lässt sich ein Werk denken, dass das zyklische Kreisen des Lieds imitiert, und dass nicht als Schema erstarrt? Mit seinem Quintett Gelöschte Lieder löst Poppe dieses Problem, indem zwei Materialebenen einander durchkreuzen, wodurch eine ständige Ambivalenz in Bezug auf die formale Funktion der Abschnitte entsteht. Auch die für Poppes Klangvorstellung zentrale Technik der Additions- und Summationstöne greift die bereits als historisch geltende elektroakustische Technik der Ringmodulation auf. Indem er zwei Frequenzen addiert und subtrahiert, entstehen neue, nicht temperierte Intervalle, die seinen Werken ihre matt leuchtende Farbe verleihen, die schimmern, aber nicht dissonnieren. "Man könnte meine Akkorde vielleicht als verbogene Spektralakkorde bezeichnen", resümiert Poppe, "oder als verbeulte Natur."

Bei alledem verzichtet Poppe nie auf dramatische, ja magische Momente. Die verschwommene Kantilene, die gelegentlich an die Oberfläche der Gelöschten Lieder tritt, das düstere Morendo, mit dem Öl verklingt, oder die engen Klaviercluster im Zehnteltonabstand, die am Ende von Rad stehen, als erläge die Musik einem elektrischen Schlag – das sind Momente, in denen auch Sinnlichkeit und emphatischer Ausdruck ihr Recht behaupten.

Björn Gottstein, 2006-2007