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Neuwirth – The Outcast & Die Stadt ohne Juden

Neuwirth – The Outcast & Die Stadt ohne Juden

Anlässlich des 50. Geburtstages von Olga Neuwirth sind im Rahmen von Wien Modern zwei Großprojekte entstanden, die im November im Wiener Konzerthaus zur Premiere kamen: Die Stadt ohne Juden, eine neue Filmmusik für den frisch restaurierten Stummfilm von H. K. Breslauer sowie eine revidierte Version ihres Musicstallation-theaters The Outcast

Diese Neuproduktion ihrer Homage to Herman Melville lotet mit einer aufwendigen Rundum-Videoinstallation der britischen Regisseurin Netia Jones die Grenzen des Konzertformats aus. Unter der Leitung von Ilan Volkov traf das RSO Wien bei der Premiere im Wiener Konzerthaus auf ein hochkarätiges Solistenensemble um Andrew Watts, Susanne Elmark, Otto Katzameier und Schauspieler Johan Leysen. Im März 2019, dem Jahr des 200. Geburtstages von Herman Melville, gelangt das Werk in der Elbphilharmonie Hamburg zur deutschen Erstaufführung.

Olga Neuwirths Vertonung von Die Stadt ohne Juden wurde vom Ensemble PHACE unter Leitung von Nacho de Paz live zu einem Screening des Filmklassikers im Großen Saal des Wiener Konzerthauses uraufgeführt. Unter gleicher Besetzung war das neue Werk eine Woche später im Londoner Barbican Center zu hören, die deutsche Erstaufführung erfolgte Ende November beim Greatest Hits Festival der Elbphilharmonie Hamburg. Im neuen Jahr feiert Die Stadt ohne Juden in Tel Aviv mit Ilan Volkov und den Israel Contemporary Players Premiere, gefolgt von der französischen Erstaufführung in der Philharmonie de Paris, präsentiert vom Ensemble intercontemporain unter der Leitung von Matthias Pintscher.

Picture of The Outcast by Olga Neuwirth at Wien Modern
The Outcast, WP at Wien Modern

The Outcast (2008-2010/2012)

Homage to Herman Melville. A musicstallation-theater
Revidierte Fassung
Mit Monologen für Old Melville von Anna Mitgutsch
Libretto von Olga Neuwirth, Barry Gifford

Eine Produktion von RSO Wien in Koproduktion mit Wien Modern, Wiener Konzerthaus und Elbphilharmonie Hamburg. Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung.

S.Boys S.Ct.T.2Bar.3Act.Chansonnier -
Boys Chr.Men Chr - 2.2.2.2 - 2.2.2.1 -
2perc - synth.e-git.acc - 8.8.6.6.4 - el
Dauer: 90'
UA: 14.11.2018, Wien

Aufführungen

14.11.2018 (UA)
ORF RSO Wien, Ilan Volkov (cond.); Wiener Konzerthaus

4.3.2019 (EA)
ORF RSO Wien, Ilan Volkov (cond.); Elbphilharmonie, Hamburg


Picture of The Outcast by Olga Neuwirth at Wien Modern
Olga Neuwirth bei der Uraufführung von The Outcast (Wien Modern, 2018)

Pressestimen

Neuwirth hat großartige Sängerpartien geschrieben, die etwa die dänische Sopranistin Susanne Elmark als Ishmaela, Otto Katzameier als Käptn Ahab, der Countertenor Andrew Watts als Harpunier Queequeg oder Joel Beer mit seinem Knabensopran als Pip bestechend zu nutzen wussten. Sie arbeitet souverän mit den Möglichkeiten der Solostimmen, der beiden Chöre, der Sprechrollen und des Orchesters, türmt, sich erhebenden Wellenbergen gleich, wuchtig und effektvoll Musik übereinander und setzt zwischendurch kleine Effekte - etwa, wenn sich die Klänge einer E-Gitarre durch das wogende Material arbeiten oder Klaus Nomi durchklingt. Diese Musik ist intelligent und effektsicher zugleich und macht viel Vorfreude auf ihr für Dezember 2019 angekündigtes Staatsopern-Auftragswerk "Orlando".
Salzburger Nachrichten, 15.11.2018

Die Musik ist collageaffin: Da gibt es gleißende Klangflächen, über denen sirenenschöner Gesang anhebt, da gibt es naturnahen Vogelgesang; kirchenmusikhafte Knabenchöre steuern Unschuld bei. Orgel, Akkordeon und E-Gitarre fungieren als Farbtupfer und Assoziationsauslöser, Komik wird dezent (gestopfte Trompeten) oder schenkelklopfend (Stayin' Alive) eingesetzt. Das Meer ist mal sonnenhell und silbern, mal düster und drohend und sogar metallisch-spitz.
Der Standard, 19.11.2018

Hat die politische Feministin Olga Neuwirth ein Gesamtkunstwerk erschaffen? Über diesen Begriff von Richard Wagner sagte der Kritiker und Filmkomponist Hanns Eisler polemisch, er fordere vom Publikum, das Hirn an der Garderobe abzugeben. Olga Neuwirth hingegen fordert Nachdenken. Das Libretto sollte man gelesen haben. Dann konnte man Neuwirth verstehen und im abgedunkelten Raum von ihrer Music-Installation erst recht beeindruckt sein. Und vom weißen Wal, der am Ende das Schiff in die Tiefe des Ozeans versenkte.
Falter, November 2018


Picture of The Outcast by Olga Neuwirth at Wien Modern
The Outcast, UA bei Wien Modern

Partitur von The Outcast



Die Stadt ohne Juden (2017)

Musik zum Stummfilm von Hans Karl Breslauer (1924)
für verstärktes Ensemble und Zuspielung

Eine gemeinsame Produktion von Wiener Konzerthaus, Elbphilharmonie Hamburg, Ensemble Intercontemporain, Barbican Centre, Sinfonieorchester Basel und ZDF/ARTE in Kooperation mit Wien Modern und Filmarchiv Austria
 
cl.ssax.tpt.trb.perc.synth.samp.e-git.vla.vc.el
Dauer: 88'

Aufführungen

7.11.2018 (UA)
PHACE, Nacho de Paz (cond.); Wien Modern – Wiener Konzerthaus

15.11.2018 (EA)
PHACE, Nacho de Paz (cond.); Barbican Center London

28.11.2018 (EA)
PHACE, Nacho de Paz (cond.); Kampnagel K6, Hamburg

5.1.2019 (EA)
Israel Contemporary Players, Ilan Volkov (cond.); Cinemateque, Tel Aviv

15.3.2019 (EA)
Ensemble intercontemporain, Matthias Pintscher (cond.); Philharmonie de Paris


Die Stadt ohne Juden by Olga Neuwirth at Barbican Center
Die Stadt ohne Juden, UK-Erstaufführung in London


Pressestimmen

Was an diesem Abend im Konzerthaus zu erleben ist […] ist kein Stummfilm. Auch kein Stummfilm mit Musik. Vom ersten Moment an verschmelzen Ton und Bilder zum atmenden Organismus. Schon die Geräusche ziehen den Betrachter umstandslos hinein in diese bald 100 Jahre alte Welt voller Gehröcke, Hüte und dramatisch geschminkter Augenpartien. Zu Beginn bringt die Elektronik den ganzen Raum mit tiefem Brummen zum Vibrieren, beim Gottesdienst in der Synagoge erzeugen kreisende Sphärenklänge den  Eindruck ferner, klagender Stimmen, als  wiesen sie in die grauenhafte Zukunft  voraus. Virtuos zitiert Neuwirth verschiedene Stile: Im Saxofon klingt Debussy an und in der Klarinette Schtetl-Wehmut, natürlich ist auch die alpenländische Volksmusik nicht weit. Neuwirths eigenwillige Handschrift und ihre hohe klangliche Sensibilität bleiben unverkennbar. Selbst auf den mitunter derben satirischen Witz des Films lässt sich die Komponistin ein, wo doch heutigen Betrachtern bei dem Thema leicht das Lachen im Halse steckenbleibt. Manches wirkt auf uns Nachgeborene wie Slapstick auf der Rasierklinge: Da versucht der stramm antisemitische Rat Bernart, gespielt vom unvergessenen Hans Moser, im volltrunkenen Zustand die Gartenpforte mit einer Zigarre zu öffnen.  „Der Wiener trinkt, um zu vergessen“, sagt Neuwirth am Tag nach der Uraufführung.  „Beim Vergessen wird eben auch vieles verdrängt. Besonders was die NS-Vergangenheit angeht.
Hamburger Abendblatt, 2.11.2018

Neuwirth stellt in ihrer Tonspur zu dem Stummfilm auf raffinierte, jedoch nie vordergründige Weise vielfältige politische und kulturelle Bezüge her. Sie schafft eine Balance zwischen dem Wissen um die spätere reale Tragödie, die in ihrem Sound stets den bedrohlichen Grundton angibt, der bitteren Ironie, mit der die Handlung vorangetrieben wird, der unfreiwilligen Komik, die dem Pathos der Stummfilmästhetik für heutige Betrachter stets innewohnt, und dem Bewusstsein dafür, dass die Gespenster der Vergangenheit derzeit so lebendig sind wie schon lange nicht. Die Brüchigkeit familiärer bürgerlicher Idylle und die latente Aggression einer betonten Volkstümlichkeit, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann, sind unüberhörbar in die Komposition eingearbeitet und wurden vom Ensemble PHACE unter dem Dirigenten Nacho de Paz subtil umgesetzt. Ergänzt wird das Live-Tonmaterial durch Zuspielungen, die an jene von den Nazis fast ausgerottete jüdische Kultur erinnern, die der Film etwa in Synagogen-Szenen zeigt, oder Hans Moser förmlich wieder auferstehen lassen.
Tiroler Tageszeitung, 08.11.2018

Die Streitgespräche von Wirtshausgästen lässt die österreichische Komponistin von den Bläsern des Ensembles PHACE unter der Leitung von Nacho de Paz komödiantisch kommentieren. Die antisemitischen Äußerungen der Betrunkenen untermalt sie mit Jodlern. In den bedrohlich brodelnden Synthesizer-Teppich webt sie punktgenau Klänge ein, welche die Handlung kommentieren - wenn Sessel im Wirtshaus hinunterfallen und Gongs erklingen. Olga Neuwirth bringt Farbe in den Schwarz-Weiß-Film, indem sie Szenen, die das jüdische Gemeinschaftsleben abbilden, mit orientalischen Klängen und Klezmermusik untermalt oder die Instrumente untypisch einsetzt. Einmal lässt sie die Trompeten regelrecht schreien, dann wieder Trompeter in die Instrumente blasen, dass man an keuchende Dampfloks denkt.
Salzburger Nachrichten, 09.11.2018

Picture of Die Stadt ohne Juden by Olga Neuwirth at Hamburgs Kampnagel K6
Die Stadt ohne Juden, deutsche Erstaufführung in Hamburg

Über das Werk

The film – thought lost but discovered in 2015 in a Parisian flea market and digitally restored thanks to a crowdfunding campaign – is a dramatisation of a bitter satire of antisemitism by a Jewish journalist called Hugo Bettauer. His 1922 novel is set in a contemporary Vienna humbled by defeat in the first world war and collapse of the Habsburg Empire. Inflation and unemployment are soaring and politicians are looking for a scapegoat. “The people,” the chancellor announces in the film adaptation, “demand the expulsion of all Jews.” And Vienna’s 200,000 Jews are forced to emigrate.
“One of the most powerful scenes for me is of the Jews walking out of Vienna as it’s gathering dusk,” says Neuwirth, who is herself Jewish. “When I was writing the score, I had to suppress my rage or else the film would have had music which is just an expression of my fury.” Another unbearable scene shows trains loaded with Jews heading off to other European capitals and to Palestine. It’s hard not to see these trains as prefiguring other trains that would, within 20 years, take millions of Jews to Nazi death camps. For all that Die Stadt ohne Juden is 94 years old, its revival in 2018 is resonant in an age of rising racist populism. “The parallels are plain: toxic language is begetting hatred, now as then,” says Neuwirth. “The chancellor is not initially an antisemite, but when he sees how well hating Jews plays with the masses, he seizes on the plan to throw them out.” She recalls what Auschwitz survivor Primo Levi said of the Holocaust: “If it happened once, it can happen again.”

The Guardian, 13.11.2018

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Die Stadt ohne Juden by Olga Neuwirth at Barbican Center
Die Stadt ohne Juden, UK-Erstaufführung in London


Partitur von Die Stadt ohne Juden




Photos: Markus Sepperer (The Outcast); Mark Allan (Die Stadt ohne Juden, London); Daniel Dittus (Die Stadt ohne Juden, Hamburg)