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Haas: Neue Version von KOMA

Haas: Neue Version von KOMA

»Es war nervenaufreibend und tränenschön. Genau so, wie man sich Oper einmal vorgestellt hat.« (Kleine Zeitung)


Am 28. März kehrte am Stadttheater Klagenfurt Georg Friedrich Haas‘ KOMA in einer neuen Fassung zurück auf die Bühne. Als kollektives Erlebnis für Publikum, Orchester und Darsteller, artikuliert die Produktion das prekäre Dasein einer Komapatientin über große Strecken in vollständiger Dunkelheit, während Mitglieder der Familie sich mit der Perspektive ihres Todes auseinandersetzen. Mit einem Libretto von Händl Klaus liegt KOMA in zwei Fassungen vor – in der Originalfassung, die 2016 in Schwetzingen zur Uraufführung kam, sowie in einer Neufassung im Auftrag des Stadttheaters Klagenfurt. In der ersten Fassung gibt es u.a. auch reine Schauspielrollen, in der Klagenfurter Fassung ausschließlich Gesangspartien. Dadurch verschiebt sich die Dynamik zwischen Familie und Pflegepersonal, da nun beide mit der komatösen Michaela interagieren.

Die Premierennacht fand großen Anklang bei Publikum und Presse. Haas selbst bedankte sich beim Schlussapplaus mit einem Kniefall bei dem von Bas Wiegers geleiteten Kärntner Symphonieorchester, das im über die Hälfte der Vorstellung komplett abgedunkelten Orchestergraben Erstaunliches leistete. Für die Salzburger Nachrichten zählt „der Klagenfurter „Koma“-Abend zum Wichtigsten (und angesichts der Kapazität des Hauses auch Mutigsten) der aktuellen österreichischen Musiktheatersaison.“

Immo Karamans Inszenierung erweitert die bereits außergewöhnlichen Beleuchtungsvorgaben von Haas‘ Oper um die psychedelisch-surreal anmutenden 3D-Videoprojektionen von László Zsolt Bordos. Die ausgeblichenen Kostüme und Kulissen von Nicola Reichert verstärken die verstörende Atmosphäre des Krankenzimmers zusätzlich: „Es geht darum, aus dem Realismus des Krankenhauses raus zu gehen und in albtraumhafte, düstere Phantasmagorien einzutauchen“ (Immo Karaman).
 

KOMA (2015-2016 (rev. 2018))

Oper mit einem Text von Händl Klaus
Endgültige Fassung
2S.Bar/Ct,Bbar.3B.Mute - 2(2 also picc).0.2(in B).0 - 1.0.2.0 - 2perc - pf(auch cel).acc - 3.0.2.4.3
WP: 28.03.2019, Klagenfurt
Dauer: 110'

Picture of the world premiere of KOMA by Georg Friedrich Haas in Klagenfurt
UA von KOMA (endgültige Fassung), Klagenfurt 2019

Pressestimmen

Haas ist einer der wenigen zeitgenössischen Komponisten, denen es gelingt, die ursprünglichsten Absichten des Musiktheaters auch zum Wesen ihres Oeuvres zu machen. Seine aus Mikrotönen gemachte Musik ist sinnlich, körperhaft. Sie ist mitreißend, sie bietet ein Spektakel im besten Sinn. Und doch ist sie auch dutzendfach geschichtet und verschachtelt, so schillernd wie intensiv bohrend. So filigran wie brutal. Haas bedient sich weder überkommener romantischer Klischees noch beschreitet er andere, im Grunde ungangbare Wege zurück in die Musikgeschichte. Koma ist zeitgenössisch, verneint niemals die Komplexität der Moderne, ist ein Werk, das sich der Historie und ihrer ästhetischen Entwicklungen und Probleme bewusst ist […] Das Beeindruckende an diesem Abend sind die Passagen, die in kompletter Dunkelheit spielen. […] Diese Haas’sche Dunkelheit ist kein Effekt, sondern bietet das Fundament, um die Oper verständlich und erfahrbar zu machen. 
Kleine Zeitung, 30 March 2019

Das Kärntner Symphonieorchester leistet (von Bas Wiegers großartig instruiert) Phänomenales. Der Komponist bedankte sich am Ende zurecht mit einem Kniefall. Denn Haas schreibt keine atmosphärisch wohlfeil (unter-)malende Musik, sondern genau notierte, auf Mikrotonalität basierende, dabei feinst ausgehorchte Klangzustände, die je länger je mehr durch ihre intensive Klangsinnlichkeit eine unvergleichliche Sogwirkung erzielen.
Salzburger Nachrichten, 30 March 2019

Nach zwei atemlosen Stunden in der Schule des Hörens ist man hellwach und „Koma“ damit Aphrodisiakum für viele Sinne.
Kronen Zeitung, 30 March 2019

In der Finsternis bekommt es jeder mit sich selbst zu tun, wird regelrecht hinein gesogen in das Nicht-Leben eines Wachkomapatienten.
kaernten.orf.at, 28 March 2019

Das genaue Hinhören in der Dunkelheit wird zum Psychotrip, der Opernabend zum sinnlichen Gesamtkunstwerk.
apa, 29 March 2019

Aber es wird auch dem letzten Laien deutlich, dass Haas in seiner Ernsthaftigkeit ein Ausnahmekünstler ist, vor dessen Tonsprache sich dereinst kein Publikumsteil mehr fürchten wird.
Der Standard30 March 2019

Das Wachkoma scheint als medizinischer Begriff kaum tauglich für einen Opernstoff. Doch Georg Friedrich Haas […] schuf ein Theater der Emotionen, das bewegt […] Musik für ein dünn besetztes Orchester, wie mit dem Skalpell seziert – vielleicht entfernt vergleichbar mit Elfriede Jelineks Sprachzertrümmerungen –, schlängelt sich das Libretto entlang als minutiöses Protokoll von Rückblenden, Zuständen, Visionen und Träumen. Töne und Klänge verlieren ihre Wertigkeit zwischen „falsch“ und „richtig“, erreichen eine geheimnisvolle, mystische Qualität. Haas kann gefühlvoll und zärtlich sein, kann toben und schreien […] Ein eindrucksvoller Erfolg beim prominent durchsetzten Premierenpublikum, ein bemerkenswerter Kraftakt und ein Machtwort für die heimische Moderne – nicht nur im Vergleich zu den schwächelnden Staatsopern-„Weiden“ von Johannes Maria Staud.
Die Presse, 1 April 2019

Picture of the world premiere of KOMA by Georg Friedrich Haas in Klagenfurt
UA von KOMA (endgültige Fassung), Klagenfurt 2019

Inhalt

Nach einem Badeunfall liegt Michaela im Wachkoma. Am Krankenbett stehen ihr Mann, ihre seit dem Unfall verstummte Tochter, ihre Schwester und deren Mann, mit dem Michaela ein Liebesverhältnis hatte. Sie sprechen mit Michaela – von den Ärztinnen dazu ermuntert, spielen sie ihr Schlüsselszenen aus ihrem Leben vor: die feindselige Mutter, die sie schlug; der Verkauf des Elternhauses, als die Geschwister noch klein waren; der Tod der Katze; Michaelas Scheitern als Lehrerin; aber auch Liebeshandlungen ereignen sich wieder. Gemeinsam mit drei Pflegern wird der bewegungsunfähige Körper der Patientin bewegt und gewaschen. Auch diese Oper wird aus der Perspektive einer einzigen Person wahrgenommen: Der im Koma liegenden Michaela, die – unsichtbar – in der Dunkelheit, hinter dem Publikum steht, Melismen singt – ohne Worte, nur Klang. Ob sie jemals aus dem Koma zurückkehren wird, bleibt offen.

Werktext

Diese Zustände finden sich auch in der Musik wieder, und zwar nicht nur, weil ich noch nie in einer Oper so konsequent mit Dunkelheit gearbeitet habe, sondern weil es diese klaren Nuancierungen gibt. Im Dunkeln kann das Orchester wie eine große Orgel zu einem einzigen Instrument werden. Im Halbdunkeln herrscht angespannte Ruhe. Das Licht steuert immer wieder das musikalische Geschehen. Langsam dimmt die Pultbeleuchtung ein und löscht dadurch die Töne. Auf den ersten Blick erscheint die Aufgabe des Orchesters, mehr als die Hälfte auswendig in völliger Dunkelheit spielen zu müssen, als beinahe unlösbar. Ich habe mich aber bemüht, Prozesse zu komponieren, die klanglich so logisch sind, dass sie relativ leicht memorierbar sind. Und es gibt für jedes einzelne Instrument immer wieder lange Pausen vor den Dunkelstellen, in denen sich die Ausführenden mental auf das Kommende vorbereiten können. Am Ende übertragen die Musiker den Rhythmus ihres eigenen Atems in die Musik, quasi als Vervielfältigung des Atems der im Koma liegenden Michaela. 
—Georg Friedrich Haas

Picture of the world premiere of KOMA by Georg Friedrich Haas in Klagenfurt
UA von KOMA (endgültige Fassung), Klagenfurt 2019





Photos: Arnold Pöschl