News

Venezianische Visionen? - Stravinskys Le Roi des Étoiles

Venezianische Visionen? - Stravinskys Le Roi des Étoiles

In “The Almonac“ stellt Henrik Almon, Library Manager bei Ricordi Berlin, hörenswerte Werke aus dem schier unerschöpflichen Repertoire der Verlagsgruppe vor, die bislang auf den Spielplänen der großen Bühnen und Orchester eher seltener vorkommen.


« Je règne » dit-il «sans partage. »
Plus fort gronde alors le tonnerre.
« C'est l'heure: » dit-il en sa gloire.
« Les moissons attendent. Amen. »


San Michele, die Insel der Toten, ist sowohl die letzte Ruhestätte vieler prominenter Persönlichkeiten vergangener Jahrhunderte als auch pulsierender Hotspot ziemlich lebendiger Stechmücken. Nach einigen Tagen ausgiebigen Erkundens der unzähligen Installationen der diesjährigen Biennale in Venedig habe ich mir als kleines Kontrastprogramm einen Besuch der Friedhofsinsel vorgenommen, in erster Linie, weil in meinem Reiseführer steht, dass hier das Grab von Igor Stravinsky sei. Anstelle eines kontemplativen Spaziergangs durch eine morbid verwunschene Idylle hetze ich nun jedoch wild um mich schlagend von Sackgasse zu Sackgasse und erhalte jedes Mal, wenn ich innehalte um eine der Inschriften zu entziffern, neue Stiche.

Wo ist denn jetzt der Stravinsky, frage ich mich leicht gereizt. Und dann: Moment, warum liegt der eigentlich überhaupt hier in Venedig? Soweit ich weiß musste Stravinsky in seinem Leben zweimal emigrieren, erst von Russland nach Frankreich, und dann von dort aus in die USA, wo er 1971 auch starb. Aber Stravinsky und Venedig? Da klingelt bei mir nichts. Dafür summt es, ich hole aus und erwische zwei Stechmücken auf frischer Tat. Auf dem Friedhof bin ich inzwischen auf einem offenbar erst jüngst errichteten Areal gelandet; ein meta-sakral anmutender Chipperfield Anbau, der mich vollends in eine surreal endzeitliche Stimmung versetzt.

Pieux et fervents, nous suivîmes.
La foudre fendait les nuages.
Sept gloires d'étoiles splendides
montraient du désert le chemin.


So lautet in der französischen Übersetzung von Michel-Dimitri Calvocoressi das Ende des Gedichtes "Le Roi des Étoiles" des russischen Dichters Konstantin Balmont, welches Stravinsky zu einer gleichnamigen Kantate vertont hat, die in ihrer verschlungen symbolistisch-impressionistischen Tonsprache irgendwie den passenden Soundtrack zu meinem Friedhofspaziergang liefert.



„Le Roi des Étoiles“, befindet sich als Überbleibsel des russischen Verlages P. Jurgenson in unserem Verlagskatalog und ist ein erratisches Einzelwerk, das stilistisch fast gar nichts mit den Smash-Hits zu tun hat, die Stravinsky mit Sergei Diaghilev und seinen Ballets Russes zu sagenumwobenen Skandalaufführungen und weltweitem Ruhm verhalfen.

Anstelle des vorwärtsrockenden Sacre-Stravinsky, weist „Le Roi des Étoiles“ allerdings eher Parallelen zur Tonsprache Skrjabins und Debussys auf. Im Gegensatz zu den fast gleichzeitig entstandenen Balletten, die sich Dank der ausgiebigen Tourneen der Ballets Russes rasch weltweiter Folgeaufführungen erfreuten, kam „Le Roi des Étoiles“ nach seiner Komposition 1911-1912 hingegen leider fast dreißig Jahre erst einmal überhaupt nicht zur Aufführung. Sowieso gehört dieses Werk wohl zu den am wenigsten aufgeführten Stücken Stravinskys. Die Ursache darin liegt wahrscheinlich, wie man verlagsseitig zähneknirschend eingestehen muss, an den doch eventuell leicht ungünstigen Werkparametern: Ein viel zu kurzes Stück (ca. 6 min) für eine viel zu große Besetzung (Großes Orchester mit unter anderem acht Hörnern, zwei Harfen und Celesta + Männerchor), die man dem Stück über große Strecken aber nur bedingt anhört, da die Dynamik größtenteils zwischen Pianissimo und Piano changiert. Das Ganze ist dann auch noch technisch nicht ganz anspruchslos; so sind Streicher und Chor extremst divisi und haben oftmals unabhängige bitonale Stimmenverläufe. Alles in allem also auf den ersten Blick etwas erschwerte Aufführungsbedingungen.

„Le Roi des Étoiles“ beinhaltet trotz seiner Kürze aber dennoch vielschichtige Anknüpfungspunkte. Wenn also Chor und Orchester sowieso schon auf der Bühne stehen, macht das Werk es wiederum einfach in längere Konzertprogramme eingebunden zu werden.

Musikalisch kann man neben Analogien zu Skrjabin und Debussy im Orchesterapparat auch an Wagner gemahnende ins Nirgendwo strebende Harmonien aufspüren. Thematisch geht es um eine endzeitliche Wiederauferstehungsvision, in welcher ein Sternenkönig seine Jünger unter großem Brausen und Getose in die Wüste führt.



Der Blick ins Detail offenbart, wie subtil der Text in Szene gesetzt wird: Nur leicht hörbare, doch umso unerbittlichere Achteltriolen der Hörner auf oktaviertem Fis werden etwa gegen mannigfaltige Akkordwechsel von Streichern und Chor gesetzt, wenn es heißt:

Autour de lui brille la foudre
au ciel ravagé, lourd d'orages,
Sept gloires d'étoiles splendides
entourent son chef rayonnant.


Stravinsky und die Bläser, er kann es einfach! Ganz toll ist auch das friedvolle vorzeitige „Amen“ als Fake-Ende des Stückes nach der vorletzten Strophe, in dem der Wiederauferstandene, die Seinen zur Ernte aufruft. Dass sich daraufhin erfolgende überhaupt gar nicht pathetische Erheben der Gläubigen aus der Stille zeichnet die Musik sublim mittels eines kurzen Tremolo-Motivs in den Violinen aus. Ganz zuletzt lande ich dann plötzlich übrigens doch noch ganz unverhofft vor Stravinskys Grab, in der hintersten Reihe eines kleineren separaten Abschnitts auf San Michele. Eigentlich bleibt mein Blick dann auch nur wenige Sekunden darauf hängen, weil ich plötzlich merke, dass ich nur noch wenig Zeit habe, bis ich wieder auf der Fähre sein muss.

Während ich auf dem Vaporetto wieder dem Trubel der Biennale entgegenfahre und ich an meinem Rucksack nestelnd, mein Handy herausklaube, um endlich zu googlen, was Stravinskys Grab jetzt denn nun in Venedig verloren hat, erscheint gegenüber auf dem Wasser plötzlich ein riesiger Kreuzfahrtdampfer. Ich halte inne. Auf den Hunderten von Balkonen dieses futuristischen Space Shuttles kann ich schemenhaft die Umrisse tausender Menschen erkennen, die, wie aus einer anderen Sphäre, auf mich und das ringsherum verblichene Venedig herunterstarren.

Ses yeux sont pareils aux étoiles,
aux feux qui sillonnent l'espace;
sa face au soleil est semblable,
quand l'astre rayonne au zénith.




Nachtrag: Es war Stravinskys letzter Wunsch auf San Michele in der Nähe des Grabes von Sergej Diaghilev beerdigt zu werden. Im Gegensatz zu Diaghilev, der 1929 in Venedig starb, hat Stravinsky zwar niemals dort gelebt, fühlte sich der Stadt zeitlebens jedoch sehr verbunden, da einige wichtige Werke von ihm hier uraufgeführt worden sind.

 

Le Roi des Étoiles (1911/1912)

Kantate für Männerchor und Orchester Nach einem Text von K. Balmont, übersetzt ins frz. von M.-D. Calvocoressi
MCh –3(2Picc).4.EHr.4.4 – 8.3.3.1 – Pk.Tr – Cel.2Hrf– Str
UA: 1939, Brüssel









Über den Autor

Henrik Almon ist seit 2013 für die Leihabteilung von Ricordi Berlin zuständig. Auf der Suche nach dem richtigen Notenmaterial wühlt er sich seitdem immer wieder durch die labyrinthischen Verästelungen zweihundertjähriger Verlagsgeschichte, quer durch Europa verteilte Notenarchive, analoge und digitale Datenbanken sowie kryptische Mitteilungen über versandte Paketzustellungen.

Vor seinem Leben bei Ricordi hat Henrik Almon rechtschaffen eine kaufmännische Ausbildung absolviert, bevor er sich in die akademischen Tiefen der Musik-, Medien und Literaturwissenschaft begab. Das Studium führte ihn von Weimar und Jena über Paris nach Brasilien, wo er einige Zeit als Klavierlehrer arbeitete. Anhaltende Begeisterung für brasilianische Komponisten mündete in seiner 2018 abgeschlossenen Dissertation zum Thema „Diskurse über Kunstmusik in Brasilien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Außerhalb von Ricordi spielt er nach wie vor inbrünstig Geige in einem der zahlreichen Berliner Uni-Orchester.

Lesen Sie den letzten Artikel Fragile Reife – Zemlinskys Symphonie in d-Moll

Illustration: Marie Louise James