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Klangforum Wien spielt Lim, Poppe und Lang

Klangforum Wien spielt Lim, Poppe und Lang

Das renommierte Solistenensemble Klangforum Wien präsentiert im Mai gleich drei Erstaufführungen aus dem Ricordi-Repertoire. Den Auftakt macht Liza Lims existenzialistisch bewegendes Werk Extinction Events and Dawn Chorus. Das Stück für 12 Musiker, das erst am 29. April 2018 mit dem Klangforum Wien seine Weltpremiere in Witten feierte, gelangt eine Woche später im Wiener Konzerthaus zu seiner österreichischen Erstaufführung. Am 21. Mai reist das Klangforum nach Prag und hat sowohl Enno Poppes von Publikum und Presse gefeiertes Werk Speicher I im Gepäck, als auch Monadologie XII von Bernhard Lang – ein unverkennbar vom Jazz beeinflusstes Werk für drei Soloinstrumente und Ensemble. 

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Klangforum Wien

Liza Lim: Extinction Events and Dawn Chorus (2018)

für zwölf Musiker
1.1.1.1 - 1.1.1.0 - pf - perc - 0.0.0.2.1
Dauer: 38’
UA: 29.04.2018, Witten

Ensemble-Stück für Klangforum Wien – eine Auftragsarbeit der Wittener Tage für Neue Kammermusik;
mit Unterstützung durch den APRA AMCOS Art Music Fund (Australien).
Dem Klangforum Wien gewidmet.

Livemitschnitt des WDR online anhören

Über das Werk

»Jegliche ästhetische Spur, jeder Fußabdruck eines Objekts, funkelt vor Abwesenheit. Sinnliche Dinge sind Elegien auf das Verschwinden der Objekte.«
Timothy Morton, Realist Magic

»Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen.«
Herakleitos

Riesige Ansammlungen von Plastikmüll treiben in fünf Wirbeln in den Strömungen der Weltmeere umher und werden zu toxischen Fragmenten zermahlen, die sich auf abgelegenen Inseln und in den Fischen, die wir essen, ablagern. Unser alltäglicher Müll beherbergt nun Einsiedlerkrebse, da saures Wasser die Muscheln auflöste, in denen sie sonst lebten. Albatrosse sammeln Plastikverpackungen, um ihre Küken zu füttern, die ersticken und verhungern, während sie dieses bunte Non-Food konsumieren.
Wie der Plastikabfall sind alle Zeit und ihre Spuren stets bei uns, wenn auch in ihren residualen und pulverisierten Zuständen. Ich habe eine Musik aus heterogenen Relikten der Vergangenheit komponiert – eine grobe Auswahl von "Auslöschungs-Ereignissen": Sie reichen von den geisterhaften Echos eines knarzenden 19. Jahrhunderts in der Klaviermusik – Auf verwachsenem Pfade (Janáček) –, über eine fehlerhafte Transkription einer Aufnahme des letzten jemals gehörten Paarungsrufs des nun ausgestorbenen Kauai O'o Vogel, bis zu den Spuren einer Sternenkarte aus dem 9. Jahrhundert, die den südlichen chinesischen Nachthimmel einfing. Diese Spuren der Zeit reiben in immer weiter zerfallenden Zyklen aneinander. Vergängliche Wiederholungen symbolisieren die Pulsschläge des Verschwindens und zeigen auf die Ungewissheit der menschlichen Erinnerung und ihren finalen Zusammenbruch im bitteren Vergessen.
Da ist gebrochene Größe und da sind Versuche zu singen. Da ist der unheimliche Morgendämmerungschor des Fischlebens, das an einem gefährdeten australischen Korallenriff heimisch ist. Die Zeit atmet eine unwahrscheinliche Hoffnung aus.

»Wie hielte Schönheit stand vor solcher Wut?«

Shakespeare, Sonnet No. 65

—Liza Lim, 2018 (Übersetzung von Ricordi Berlin)







Enno Poppe: Speicher I (2009/10)

für großes Ensemble
2 (picc, 2bfl, afl).1 (eh).2 (2bcl). asax (ssax).1 (cbsn) - 
1. 1. 1. 0. - 2 perc. - pf.acc. - 1. 1. 2. 2. 1.
Dauer: 16'
UA:  25.4.2010, Witten



»In seinem Langwerk zielt er auf nichts Geringeres als den Spagat zwischen Gesamtschau und Augenblick. Und er ist ihm gelungen, sowohl in der Fülle des Ganzen wie in der Erfülltheit des Moments.«
nmz (Gerhard R. Koch, November 2013)

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Über das Werk

Musik ist etwas Lebendiges. Regeln und Gesetze sind dazu da, überprüft, überarbeitet, ausgetauscht oder abgeschafft zu werden. Das beginnt schon mit der Definition unseres kleinsten Bausteins: des Tons. Bis zu welcher Tonhöhenschwankung ist ein Ton mit Vibrato noch ein Einzelton? Es gibt ein Kontinuum von Erscheinungen zwischen Vibrato, Portamento, Glissando und mikrotonalen Abweichungen. Nichts davon wird von unserer Musiktheorie erfasst. Dazu kommt, dass ein kaum erforschter Zusammenhang zwischen Klangfarbe und Intonation besteht, über den Musiker intuitiv viel mehr wissen als Komponisten mit ihrem Willen zur Systematik.
Das Speicher-Projekt ist ein komplexes Gebilde aus Variationen und Wiederholungen. Es besteht aus sechs Teilen, die ohne Pause aneinander anschliessen. Die Gesamtdauer des Stückes beträgt etwa 80 Minuten. Im Gesamtstück wie in den sechs Teilen, die auch einzeln aufgeführt werden können, verhält sich auf allen Größenordnungen alles genau gleich: die ersten Bratschentöne sind zueinander genau so in Beziehung gesetzt (als „entwickelnde Variation“) wie die kleinen, mittleren und großen Formabschnitte. Damit ein Stück immer weitergeht und interessant bleibt, ist ja neben der Abwechslung vor allem wichtig, dass man etwas wiedererkennt. Wiedererkennbar kann alles sein, ein einzelner Klang wie ein ganzer Formteil (vgl. „Reprise“). Es ist also viel weniger nötig, dauernd neue Ideen in ein Stück hineinzuwerfen, als ein unvorhersehbares Netz aus Ableitungen zu erfinden. Die nächste Stufe wäre, dass man vorhersehen kann, was als nächstes geschieht: dann wäre ein aktiver Zustand des Hörens hergestellt. Die Proportionen für alles, im Mikro- wie im Makrobereich, sind übrigens 8 – 3 – 4 – 6 – 2 – 12. Zwei in sich verschränkte Prozesse,von denen der eine kürzer wird (8 4 2), der andere länger (3 6 12). Aber das sind reale Dauern: ob etwas lang oder kurz ist, hängt vom Inhalt und der Wirkung ab.
Dies hört sich, wie so oft, wenn über Musik gesprochen wird, abstrakt an. Die musikalischen Phänomene sind aber nie abstrakt. Ich möchte in diesem Stück etwas herausfinden über Dimensionen. Was leisten Ideen, wenn sie über eine Stunde strapaziert werden? Nicht der Hörer soll strapaziert werden, sondern ich kann und muss in einer großformatigen Partitur ganz anders über meine Ideen nachdenken. Dabei ist der Plan von „Speicher“ keineswegs, alles in die Länge zu ziehen, sondern, um die Intensität hochzuhalten, die Extreme zu suchen: die extreme Verdichtung, Ausdünnung, Beschleunigung, Verbreiterung. Es kann nicht das Ziel sein, für ein achtzigminütiges Stück eine Inhaltsangabe oder eine Ideenliste anzufertigen. Sondern ich muss immer wach bleiben, um zu beobachten, was wie lange trägt und wie sich die Kräfte in der Musik bewegen und verschieben. In einem Speicher gerät ohnehin immer alles in Unordnung.

—Enno Poppe, 2013







Bernhard Lang: Monadologie XII (2010)

für Ensemble
cl.sax - tpt - 2perc - pf.acc - db
Duration: 40‘
WP: 10.08.2011, Bregenz

Über das Werk

Die Monadologien lassen sich vielleicht durch folgende Punkte kürzest charakterisieren:

- Sie arbeiten mit kleinsten Ausgangszellen als Generatoren des gesamten musikalischen Materials.
- Diese Ausgangszellen sind größtenteils Samples aus vorhandenen Materialien/Stücken.
- Die Partituren entstehen durch Einsatz Zellulärer Automaten, sind also maschinell entwickelt und stellen selbst abstrakte Maschinen im Deleuzischen Sinn dar.
- Die Zellen durchschreiten diskrete Zustände als komplexe Differentiale, zeigen also fortwährende Mutationen.

Das zwölfte Stück der Monadologie-Serie nimmt wieder auf einen von mir selbst komponierten Ausgangstext Bezug: Für die drei solistischen Instrumente Trompete, Saxophon und Klarinette schrieb ich zunächst ein freies Konzertstück, welches ich dann mit Hilfe zellulärer Automaten und Granulatoren monadisch zerstäubte. Dieses Verfahren versucht eine Analogie zu den Filmen des Raffael Montañez Ortíz herzustellen, welche die Destruktion gefundener Materialen mittels granularer Analyse demonstrieren.

Die drei recht unterschiedlich langen Sätze erzählen eine verborgene Geschichte.

I.    Introduktion: The Ritual of Tearing out the Heart [~23’]
II.   Teil 2 : The Awakening [~8’]
III.  Teil 3: Sweet Revenge [~06:40’]

Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit dem Klangforum Wien.
 
—Bernhard Lang, 2011

Picture of Monadologie XII WP by Bernhard Lang
Uraufführung der Monadologie XII, Bregenz 2011








Photos: Ricordi Berlin (Lim), Harald Hoffmann (Poppe, Lang), Lukas Beck (Klangforum Wien), Bregenzer Festspiele/andereart (Monadologie XII)