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The Stage is Not Enough – Spatial Sounds

The Stage is Not Enough – Spatial Sounds

Der Frage nach der Verteilung von Klang im Raum gehen Komponisten seit vielen Generationen nach. Beethoven platziert in der Leonoren-Ouvertüre Trompeten hinter der Bühne, Berlioz arbeitet mit Fernorchestern oder Mahler gibt klare Anweisung zur Positionierung einzelner Instrumente, um eine szenische Tiefendimension zu erreichen. Auch bei Strauss‘ Alpensinfonie oder Respighis Pini di Roma erfolgt eine alternative Orchesteraufstellung aus dramaturgischen Gründen - die Frage nach der Beziehung zwischen Spielenden und Hörenden oder die Auseinandersetzung mit den akustischen Eigenarten des Aufführungsraums selbst gewinnt aber erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (z.B. bei Stockhausen oder Kurtág) an Bedeutung. Im Folgenden stellen wir Ihnen einige jüngere, spannende Beispiele aus diesem Bereich vor.

Vinko Globokar

In der Orchestertrilogie Der Engel der Geschichte (2000-2004) des Europäers Vinko Globokar sitzt das Publikum zwischen zwei Orchestergruppen – zusätzlich räumlich getrennt durch einen Stacheldrahtverhau. Das „eigene“ Orchester übertönt mal die Klänge des anderen, mal wird es überwältigt vom Sog des anderen. Im zweiten („Mars“) und dritten Teil („Hoffnung“) wandern zusätzlich „Passanten“ mit Mikrofonen durch eine Orchestergruppe und heben – elektronisch verändert – einzelne Elemente hervor. 



Bernhard Lang

Auch der Komponist Bernhard Lang stellt in seiner Bruckner-Überschreibung Monadologie XIII 'The Saucy Maid' (2011) zwei Orchester gegenüber. Der Klang der um einen Viertelton gegeneinander gestimmten Gruppen generiert sich nicht auf den beiden Bühnen, sondern erst dazwischen. Er bricht die „frontale Massigkeit“ (Lang) eines dem Publikum gegenüberstehenden Orchesters und damit die autoritäre Situation eines Konzertsaals.




Philip Manoury

Räumlich geht Philip Manoury in seinem Werk In situ (2013) noch weiter. Auf acht Gruppen verteilt, positionieren sich die Musikerinnen und Musiker im Raum um das Publikum herum. Kammermusikalische Passagen wechseln sich ab mit symphonischen Partien oder bilden, mal filigran, mal massiv dreidimensionale Klangdome. Ihm “sind die Orte, von denen die Klänge herkommen, genauso wichtig wie die Klänge selbst“ (P. Manoury, Werktext, Übersetzung: B. Gotzes). Die Anordnung der unkonventionell zusammengestellten Instrumentengruppen erlaubt räumliche Symmetrien und führen zu einem Wechsel von homogenen und heterogenen Klangbildern. 

Philippe Manoury im Interview




Luigi Nono

Für die Uraufführung des als Meilenstein in die Musikgeschichte eingegangenen Werkes Prometeo (1984) von Luigi Nono gestaltete der italienischen Architekt Renzo Piano ein eigenes Auditorium – eine hölzerne Arche, in der die Ensemblegruppen, die Lautsprecher für die Live-Elektronik und auch das Publikum ganz im Sinne des Klangkonzeptes positioniert werden konnten.  In der „Tragödie des Hörens“ ordnet Nono Alles dem Hören unter, es gibt keinerlei Schmuck, keine Effekte. André Richard, langjähriger Begleiter Nonos, Tonmeister, Komponist und Dirigent hat viele Aufführungen des Werkes als Tonmeister betreut und die neue Edition mit herausgegeben. Er sagt: "Prometeo ist eine Absage an ein durch den Alltag und die Medien konditioniertes Wahrnehmungsverhalten. Die „Tragedia dell’ascolto“ führt zurück zum Geschehen, in einen bestimmten Raum, zu einer echten Begegnung und wiederbelebten Kommunikation zwischen Interpreten und Zuhörern. Sie führt uns zurück zu einem einmaligen, nicht wiederholbaren, genuinen Hörerlebnis.“

Interview mit André Richard  



Olga Neuwirth

Die Komponistin Olga Neuwirth wohnte der Uraufführung von Nonos Prometeo 1984 in der Chiesa di San Lorenzo in Venedig bei. Für das Ensemblewerk Le Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie (2014-2015) baut sich auch Neuwirth einen Raum, in dem die eigene Akustik für die jeweiligen musikalischen Prozesse zum tragen kommt – nun, 30 Jahre nach Prometeo, allerdings nicht aus Holz, sondern als virtueller, elektronischer Raum. Die sechs, kreisförmig um das Publikum herum angeordneten Ensemblegruppen versetzen so, gemeinsam mit der Live-Elektronik, das Publikum in die venezianische Kirche und andere Klangräume. Seit der Uraufführung wurde das abendfüllende Werk bereits in Paris, beim Holland Festival, dem Lucerne Festival, musica Strasbourg, in Wien und in der Elbphilharmonie aufgeführt – und von Publikum und Presse gefeiert. 

Newsartikel zu Le Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie 



Partitur von Le Encantadas o le avventure nel mare 



Maximilian v. Aulock



Foto: Luc Hossepied, Ensemble intercontemporain