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Lim, Liza

Liza Lim wurde 1966 in Perth/Australien als Kind chinesischer Eltern geboren. Aufgewachsen in Brunei, studierte sie Komposition bei Richard David Hames, Riccardo Formosa und Ton de Leeuw in Melbourne und Amsterdam. Zudem promovierte sie im Fach Philosophie an der University of Queensland.

Diese Interkulturalität spiegelt sich auch in ihrer Kompositionsweise wider, in der sie verschiedene kulturelle Einflüsse miteinander verknüpft. So kombiniert sie die Ästhetik der zeitgenössischen abendländischen Musik mit chinesischen, japanischen und koreanischen Einflüssen und der Klangwelt der australischen Ureinwohner.

Sie erhielt Kompositionsaufträge für die Salzburger Festspiele, das Lucerne Festival, die Donaueschinger Musiktage, das Festival d’Automne in Paris, das Holland Festival, die Wittener Tage für neue Kammermusik, MaerzMusik und für Festivals in Melbourne, Brisbane, Adelaide und Perth. Für die Eröffnung der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles schrieb Liza Lim 2004 das Werk Ecstatic Architecture für die Los Angeles Philharmonic. Weitere Auftragskompositionen entstanden für das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunk, das BBC-Symphony Orchestra, das WDR Sinfonieorchester, das Ensemble intercontemporain, das Ensemble Modern, das Arditti Quartet, das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das Ensemble Musikfabrik und für die Neuen Vocalisten Stuttgart.

Zu den Interpreten ihrer Musik gehören außerdem das International Contemporary Ensemble (ICE), das ELISION, das ensemble für neue musik zürich, sowie die Dirigenten Esa-Pekka Salonen, Lothar Zagrosek, Jonathan Nott, Christoph Poppen, Ingo Metzmacher, Dominique My, Karina Cannelakis, Rupert Huber, Gianluigi Gelmetti, Stefan Asbury, André de Ridder und Enno Poppe.

Liza Lim wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Neben dem bedeutendsten Kompositionspreis Australiens, dem Paul Lowin Award für Orchesterkomposition, erhielt sie Auszeichnungen der Fromm Music Foundation, der Ian Potter Foundation und des Australia Council Senior Composer Fellowships. Von 2005 bis 2006 war sie Composer in residence beim Sydney Symphony Orchestra, 2012 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste der Welt.

Als Gastdozentin unterrichtete Liza Lim u. a. bei den internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, an der University of California, an der Cornell University, am Getty Research Institute, an der Melbourne University und am IRCAM. Seit 2008 ist sie Professorin für Komposition und Leiterin des CeReNeM (Centre for Research in New Music) an der University of Huddersfield.

Ihre vierte Oper Tree of Codes kam im Auftrag der Oper Köln gemeinsam mit dem Ensemble Musikfabrik und dem Hellerau European Centre of Contemporary Arts im Februar 2015 zur Uraufführung. Beim Spoleto Festival 2018 feierte die Oper ihre US-Premiere, in einer Neuinszenierung des singapureanischen Regisseurs Ong Keng Sen.

Aufnahmen ihrer Werke wurden bei NEOS, WERGO, HatHut, ABC-Classics, HCR, NEOS und Vox Australis veröffentlicht.



Porträt

Liza Lim ist ein Kind der Globalisierung: Sie wurde 1966 als Kind chinesischer Eltern geboren, studierte in Brunei und Australien und gilt heute in Europa und Australien als eine der führenden Komponistinnen ihrer Generation. Ihr multikultureller Hintergrund ermöglicht es ihr, sich von althergebrachten Traditionen zu lösen. In ihrer Musik treffen unterschiedlichste Einflüsse aufeinander – von moderner Architekturtheorie bis hin zu den Wissenssystemen der australischen Aborigines.

Schon Lims erste Oper The Oresteia (1991-1993), die sie im Alter von nur 27 Jahren vollendete, zeugt von dem ihr eigenen musikalischen Stil. Texte und Geschichten des Altertums aus China, Tibet oder Persien bilden wie hier häufig die Grundlage ihrer Kompositionen. Zudem ist The Oresteia ein frühes Beispiel für den Gemeinschaftsgeist, der Lims Musik prägt: Den Text von Aischylos bearbeitete sie zusammen mit dem Regisseur Barrie Kosky; die Musik wurde speziell für das ELISION Ensemble geschrieben, Australiens führendes Ensemble für Neue Musik, mit dem Lim seit den 1980er Jahren enge musikalische und persönliche Verbindungen pflegt.

Zu dieser Zeit entwickelt sich auch Liza Lims Interesse an musikalischen Traditionen jenseits des westlichen Orchesters. Koto (1993) und Burning House (1995) beziehen sich beispielsweise auf Japan – die Partitur des letzteren Werks schrieb Lim sogar in traditioneller japanischer Notation. Lims Beschäftigung mit der asiatischen Musik führt in der „Straßenoper“ Yuè Lìng Jié (1997-99) auch zu einer Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität als chinesischer Einwanderin. In späteren Werken wie ihrer dritten Oper The Navigator (2008) verwendet sie dagegen vorklassische westliche Instrumente wie die Barockharfe oder die Viola d’Amore. Dabei setzt Lim Instrumente jedoch nie als exotisches Kolorit ein. Vielmehr studiert sie die Aufführungspraxis und Geschichte dieser Instrumente bis ins Detail und benutzt architektonische oder biologische Metaphern, um deren Sprache mit ihrer eigenen zu verschmelzen. 

Auf den ersten Blick mögen Lims Interessen eklektisch erscheinen, doch einige ihrer Themen kehren immer wieder: die schamanische Besessenheit, das Verschwimmen der Grenzen zwischen Mensch und Tier, dem Weltlichen und dem Überirdischen, der Gegenwart und der Ewigkeit. In ihrer Musik werden Ritual und Ekstase auf spannungsvolle Weise miteinander kombiniert – zwei Begriffe, die oft verwendet werden, um Lims Werke zu beschreiben, und die sich in ihrer Musik durch eine Mischung aus disziplinierter Strenge und Hemmungslosigkeit ausdrücken. Indem sie sich der vollen Bandbreite an Techniken bedient, die einem Komponisten des frühen 21. Jahrhunderts zur Verfügung stehen, verwandelt Lim ihre Musiker in Vermittler und Botschafter dieser wilden Kräfte. In The Navigator verwenden die Sänger beispielsweise schrille Pfeifen, um zwischen tierischen oder insektenartigen Stimmen hin- und herwechseln zu können. In dem Werk Bardo’i-thos-grol (1994-1995), einer sieben Tage andauernden Installation, die sie mit dem Künstler Domenico de Clario realisierte, versinken Instrumentalisten in eine langandauernde, meditative Vereinigung mit ihren Instrumenten. Der Schamanismus macht es Lim möglich, die verschiedenen Aspekte ihrer eigenen kulturellen Herkunft aus China, Australien und Europa – all den Orten, an denen man altertümliche Geschichten tierisch-menschlicher Verwandlung finden kann – miteinander zu verbinden. 

Ein Werk, in dem diese verschiedenen Einflüsse zusammenkommen, ist The Quickening (2005). Es ist eines der ersten Stücke, die Liza Lim als Mutter schrieb. Der Titel verweist auf eine werdende Mutter, die zum ersten Mal spürt, wie sich das Baby in ihr bewegt. Obgleich die Mutterschaft hier das zentrale Thema ist, ist das Werk ein für Liza Lim charakteristischer Ideen-Komplex. Typisch für Liza Lim ist die Verknüpfung von Sopranstimme und asiatischem Instrument, in diesem Fall das Guqin, ein in der chinesischen Kultur bedeutendes Instrument. Im Text des Dichters Yang Lian liest man von „Zikaden im Körper“ und einer „Zeremonie der Geburt“. Lim bezieht sich im Vorwort der Partitur aber auch auf die schamanischen Praktiken der Heiler der Aborigines, die „ekstatische Wüsten-Kunst des ursprünglichen Australiens“ und die kinästhetische Aufführungspraxis des Guqin.

 In noch größerem Maße verschmelzen unterschiedliche kulturelle Einflüsse in The Navigator (2007-08). Das Libretto wurde von der australischen Dichterin Patricia Sykes geschrieben, mit der Lim schon an Mother Tongue für Sopran und Ensemble (2005) gearbeitet hatte. Zudem arbeitete sie bei The Naviagor erneut mit Barrie Kosky zusammen. Und wieder wurde die Musik speziell für die Musiker des ELISION Ensembles komponiert; einige von ihnen bekamen zudem neue Solo- und Ensemble-Stücke auf den Leib geschrieben (Wild Winged-One für Trompete, Weaver of Fictions für Alt Ganassi-Flöte und Sensorium für Countertenor, Barockharfe, Viola d’Amore und Cembalo). In The Navigator ist außerdem ein völlig neues musikalisches Element zu hören: Richard Wagner. Lim sagt, dass sie sich „wieder in die Musik verliebte“, als sie das Tristan-Vorspiel im Jahr 2004 hörte.

Seit The Navigator baut Lim die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern stetig aus. So erarbeitet sie z.B. mit Mitgliedern der musikFabrik Solowerke wie Axis Mundi (2012-13) für Fagott und The Green Lion Eats the Sun (2014) für Doppelglocken-Euphonium. Für die Komposition Tongue of the Invisible (2010-11), basierend auf Texten des Sufi-Dichters Hafez, entwickelte sie Improvisationssysteme in enger Zusammenarbeit mit den Musikern.

Das Verhältnis von Mensch und Musik umfasst drei Ebenen: die physische Beziehung zwischen dem Musiker und seinem Instrument, die Verbundenheit von verschiedenen Musikern in einem Ensemble (sowie zwischen dem Komponisten und diesen Musikern) und die Beziehung zwischen der Musik und außenstehenden Gruppen von Menschen, also beispielsweise dem Publikum. Liza Lim knüpft eine Verbindung zwischen diesen drei Ebenen. Ihre Musik ist zutiefst humanistisch. Die Bewegungen eines Fingers auf einer Seite oder der Lippen auf einem Mundstück lassen den Hörer von Liza Lims Musik über ganze kulturelle Systeme und das Leben an sich reflektieren.

Tim Rutherford-Johnson, 2015