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Pagh-Paan, Younghi

*30.11.1945 Cheongju / Süd-Korea

Von 1965 bis 1971 studierte sie an der Seoul National University, bis sie durch ein Stipendium des DAAD nach Deutschland kam. An der Musikhochschule Freiburg i. Br. studierte Younghi Pagh-Paan ab 1974 bei Klaus Huber (Komposition), Brian Ferneyhough (Analyse), Peter Förtig (Musiktheorie) und Edith Picht-Axenfeld (Klavier) und schloß ihr Studium 1979 ab. International bekannt machte sie die Aufführung ihres Orchesterwerkes SORI bei den Donaueschinger Musiktagen 1980. Ihre Werke, die das Wesen koreanischer Musikkultur mittels differenzierter westlicher Kompositionstechniken zu erneuern trachten, weckten wachsendes Interesse bei den wichtigsten Festivals Neuer Musik und in Konzertveranstaltungen in ganz Europa.

Für ihr Schaffen erhielt Younghi Pagh-Paan mehrere internationale Auszeichnungen: 1978 den 1. Preis beim 5. Komponistenseminar in Boswil (Schweiz), 1979 den 1. Preis beim Rostrum of Composers (Unesco, Paris) sowie den Nan-Pa-Musikpreis in Korea und 1980 den 1. Preis der Stadt Stuttgart.

1980/81 war sie Stipendiatin der Heinrich-Strobel-Stiftung des Südwestfunks und 1985 Stipendiatin der Kunststiftung Baden-Württemberg. 1995 wurde ihr der Heidelberger Künstlerinnenpreis verliehen.

1995 Portraitkonzert beim Akiyoshidai International Contemporary Music Seminar & Festival, Japan

1996 Holland-Tournee des Nieuw Ensemble mit „SOWON/Wunsch” (Uraufführung Witten, Auftrag des WDR); Dozentin bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt

1997 Portraitkonzert beim Osterfestival ’97 – Musik der Religionen in Innsbruck

1998 Uraufführung von „GO-UN NIM“ für Kammerorchester zur Wiedereröffnung der Kunsthalle Bremen; „sowon...borira“ für Frauenstimme und Orchester im Rahmen der Donaueschinger Musiktage; „HWANG-TO II” für fünf Stimmen beim Festival Frau Musica Nova in Köln

1999 Uraufführung von „BI-YU” für Sopran und Ensemble als Auftrag zum Goethe-Jahr durch das Ensemble Phorminx mit anschließender Deutschland-Tournee

2000 Auftrag der Expo 2000 für „Io” für neun Instrumentalisten, UA im Deutschen Pavillon;

Uraufführung von „Roaring Hooves” für sieben Instrumente und Windgeräusch in Ulan Bator/Mongolei

2001 Uraufführung von „Dorthin, wo der Himmel endet” für Orchester mit Mezzosopran und sechs Männerstimmen im Rahmen und Auftrag der 18. Musik-Biennale Berlin 2001

2004 gemeinsam mit Klaus Huber Workshop und Konzerte an der Hochschule für Musik Trossingen (Woche für Neue Kammermusik)

2005 Portraitkonzerte im KunstRaum Drochtersen-Hüll; Uraufführung der Erstfassung von „Wundgeträumt” für sechs Instrumentalisten durch das ensemble recherche im Rahmen des Ars musica Festivals Brüssel; Uraufführung der endgültigen Fassung bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik; Portraitkonzerte beim Festival Gegenwelten in Neckargmünd (Uraufführung von MAN-NAM III für Akkordeon und Streichtrio)

2002-2006 Komposition des Musiktheaterwerks „Mondschatten” nach einem Libretto von Juliane Votteler (nach Sophokles „Ödipus auf Kolonnos”) in Zusammenarbeit mit der Komponistin unter Einbeziehung von Originaltexten von Byung-Chul HAN (UA Stuttgart 2006)

Nach Gastprofessuren an den Musikhochschulen in Graz (1991) und Karlsruhe (1992/93) wurde Younghi Pagh-Paan 1994 als Professorin für Komposition an die Hochschule für Künste Bremen berufen, wo sie das Atelier Neue Musik gründete, das sie bis zu ihrer Emeritierung im Januar 2011 leitete.

2006 Lifetime Archievement Award der Seoul National University.

2007 Order of Civil Merit der Republik Korea (Südkorea).

2009 15th KBS Global Korean Award (2009). 

Im Mai 2009 wurde sie zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin gewählt.

2011 verlieh ihr der Bremer Senat die Bremische Medaille für Kunst und Wissenschaft.

2013 erhielt sie den Paiknam Prize (Seoul) für ihr Lebenswerk, 2015 den Preis der Europäischen Kirchenmusik (Schwäbisch Gmünd) und das Ehrenbürgerrecht der Stadt Panicale.

Younghi Pagh-Paan lebt in Bremen und Panicale (Italien).

Frei atmen: Zum 75. Geburtstag von Younghi Pagh-Paan

Ein Porträt von Volker Hagedorn

Gerade ist sie umgezogen, hat ihr Arbeitszimmer verlegt vom zweiten in den ersten Stock des Bremer Hauses, in dem sie lebt, seit drei Jahren allein. Nun kann Younghi Pagh-Paan vom hölzernen Tischpult, auf dem sie Noten schreibt, direkt auf den Balkon treten und stellt sich dann gern vor, sie sei in Panicale in Umbrien, dort, wo ihr Lebensgefährte Klaus Huber mit ihr seinen letzten Sommer verbrachte, ehe er in seinem 93. Lebensjahr starb. Die beiden hatten vieles gemeinsam, nicht nur den Geburtstag am 30. November, auch den Respekt voreinander, vor der Arbeit des anderen. „Er dominierte mich nie“, sagt sie, „sonst wäre ich weggegangen.“ So aber konnte sie nun sogar sein Zimmer zu dem ihren machen, im Bewusstsein der Freiheit, die für sie so wichtig ist.

Das ist keine einfache Freiheit, wie man in ihrer Musik hört, kein anything goes oder „Ich mache, was ich will“. Eher macht Younghi Pagh-Paan, was die Musik will. „Die werdende Musik ist ein so eifersüchtiges Lebewesen, dass sie mich nicht einmal als Mensch akzeptiert. Ich bin ihr dann total untertan. Sie frisst mich. Aber ich gebe mich gern. Und daher kann ich nicht den Haushalt machen“, erklärte sie lachend, als ich sie vor fünf Jahren interviewte. Schon ihr Vater hat Younghi vor der Küchenarbeit bewahrt, unüblich für seine Generation, erst recht im Korea der 50er Jahre. Das siebte von acht Kindern, „die Schwester mit dem Notenpapier“, wurde ernst genommen mit ihrer Liebe zur Musik.

Diese Liebe wurde auch gebraucht. Der Ingenieur und seine Frau hatten im Krieg der beiden Koreas ihr drittes Kind verloren, den siebzehnjährigen Sohn, und darum sang die Tochter für den Vater, „dass er ein bisschen Freude hat. Das war kein Lalala. Er hat so getrauert und jeden Tag getrunken, und dann war die Leber kaputt.“  Er wurde nur 47 Jahre alt. Da war sie elf, sie hatte „den einzigen Zuhörer verloren.“ Sie hat nie wieder gesungen - und umso mehr für Stimmen komponiert, zuletzt, in diesem Jahr, Mein Herz I für Sopran und Viola. Es ist, zu Worten von H. C. Artmann, ein Werk von großer Spannung und Klarheit, besser gesagt clarté, denn wie in den mélodies von Debussy werden keine Bedeutungen herbeizitiert. Die Worte wandeln sich in eine lichte, klingende Realität.

Sie bergen mit dem in die deutsche Lyrik eingebetteten „ne ma-um“ („mein Herz“) auch die koreanische Identität, die schon für die Selbstfindung als Komponistin entscheidend war nach dem „Kulturschock“, den die 28-Jährige in Freiburg erlebte. Zur europäischen Musik hatte das Mädchen in Korea am Radio gefunden, über die romantischen Werke, die die Amerikaner dem Rundfunk gaben. Younghi notierte sich die Melodien, und am einzigen Klavier in der Provinzstadt Cheongju durfte sie spielen, in der Schule, frühmorgens und inoffiziell. Später studierte sie Musik in Seoul und bekam ein Stipendium.

Aber in Freiburg nahm ihr das hohe Niveau der jüngeren Kommilitonen um Wolfgang Rihm buchstäblich den Atem: „Ich bin hingefallen, weil ich keine Luft mehr bekam.“ Im Komponieren fand sie den Atem wieder. Und den „koreanischen Fluss“, zu dem 1975 das Stück Man-nam für Klarinette und Streichtrio führt, der Fluss des Denkens, der Fluss in Cheongju, an dessen Ufermauern zweimal im Monat Markt war, mit Tieren und Gewürzen und Spielleuten. Deren südkoreanische Bauernmusik verband sie bald mit Techniken westlicher Moderne, und so lauschte man im Donaueschingen des Jahres 1980 staunend dem Orchesterwerk Sori - nicht ahnend, dass die aleatorische Klangexplosion mittendrin ein Reflex auf das Massaker war, mit dem die Diktatur Südkoreas im selben Jahr die Demokratiebewegung stoppte.

Das ist vierzig Jahre her, seitdem hat Younghi Pagh-Paan fast neunzig weitere Werke geschaffen. Unmöglich, an dieser Stelle diesen Kosmos auch nur grob zu ermessen, dessen Quellen und Sujets von der Antike bis zum Katholizismus führen - zu dem sich die Komponistin bekennt -, vom chinesischen Dao bis zur Mysterikerin Simone Weil, von der das (bislang) einzige Streichquartett der Komponistin seinen Titel empfing: Horizont auf hoher See, 2017 vom Arditti Quartet uraufgeführt. Mitten in der höchst abendländischen „Königsdisziplin“ des Metiers erlebt man eine neue Freiheit, ein Bewegtsein, vermittelt in so komplexen wie durchsichtigen Strukturen. Nichts darin ist beklemmend, nirgends will die hochbewusste Balance etwas „auf den Punkt“ bringen. Vertrauen ist besser als Kontrolle, scheint die Musik zu sagen. Sie atmet frei und ohne Maske, und so ist sie jetzt auch eine Erinnerung - an die Zukunft.